20-jährigem Jubiläum unsere Wohnanlage
Bergisch Gladbach, 16.09.2006
Vortrag zum 20-jährigem Jubiläum der Wohnanlage
Begrüßung
Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Wohnanlage möchte ich von Seiten des Vorstandes der BAG cbf e.V. einige Worte über dieses einzigartige Projekt und dessen Entstehung sagen.
Wir feiern heute nicht nur das 30-jährige Jubiläum des cbf Rheinisch-Bergischer Kreis e.V. und das 20-jährige Richtfest unserer Wohnanlage in Bergisch Gladbach, sondern auch die erfolgreiche Umsetzung einer Idee, die damals, 1986, völlig neu und einzigartig war: gleichberechtigtes Wohnen behinderter und nichtbehinderter Menschen.
Die Idee dazu wurde 1972 auf einer Tagung der BAG cbf e.V. im holländischen Anemeuden geboren. Es war meine erste Teilnahme an Tagungen des cbf. Auch für Yvonne Wenner, die heute leider nicht dabei sein kann, war es die erste Tagung in ihrem langjährigen Engagement für den cbf.
Auf dieser Tagung in Holland wurde uns ein Wohnprojekt in Arnheim vorgestellt, eines der ersten barrierefreien Wohnheime überhaupt – mit dem Namen „het Dorp“ – das Dorf. Mit einem hohen Anteil behinderter Bewohner und weitgehend hausinternen Hilfsdiensten hatte dieses holländische Wohnprojekt trotz der modernen Konzeption das Flair eines „Ghettos“.
Wir wollten aber Normalität, wir wollten keine isolierte Sonderform des Wohnens. Es musste, so dachten wir damals, doch eine Wohnform geben, in der Behinderung zur Nebensache wird, eine Wohnform, in der behinderte Nachbarn keine „besonderen“ Nachbarn sind und auch das ganze Haus nicht als „besonderes“ dasteht – eben nicht als Ghetto!
Diese Idee wurde von Frau Rheinschmidt, Walter Schubert, Anita Zeimetz und später auch von Adelheid Eichholz maßgeblich voran getrieben. Die Initialzündung zur Verwirklichung eines solchen Projektes kam von Frau Claasen, die der BAG cbf e.V. ein großes Vermächtnis an baureifem Grund genau zu diesem Zweck vermachte.
Weitere Jahre der Vorbereitung und Planung vergingen bis zum ersten Spatenstich 1984. Adelheid Eichholz, damalige Vorsitzende der BAG cbf e.V. trieb das Projekt organisatorisch voran. Walter Schubert, selbst Rollstuhlfahrer wie auch Frau Eichholz, war lange Jahre Mitglied im Deutschen Industrienormenausschuß für Barrierefreies Bauen und betreute die architektonische Planung des Projekts.
Zahlreiche damalige Neuheiten barrierefreien Bauens wurden in der Wohnanlage erstmalig verwirklicht:
- schwellenlose Balkontüren
- elektrische Haustüren – in Armlehnenhöhe bedienbar
- unterfahrbare Teilmöblierung (für sog. Altenwohnungen)
- der berühmte „Einhebelmischer“ an Waschbecken, der auch von schwer spastisch gelähmten Benutzern problemlos bedient werden kann
- Ein Notrufsystem, das auch vom Fußboden aus ausgelöst werden kann – also von dort, wo man den Notruf tatsächlich braucht!
- niedrige Blumenkästen, niedrige Lichtschalter, Fenstergriffe, Fensterbänke und Türschlösser
Dies mögen heute manchenorts Selbstverständlichkeiten sein, aber eben nicht von allein!
Die BAG cbf e.V. verwirklichte 1986 das weltweit erste (integrative) Wohnprojekt, in dem behinderte und nichtbehinderte Menschen nachbarschaftlich zusammenleben konnten.
Die cbf-Bewegung hatte viele Freunde, schwerbehinderte Freunde, die in Heimen groß geworden sind. Unter den älteren Clubfreunden gab es einige, die ihre Kindheit in Verstecken verbringen mussten.
Von diesen Clubfreunden interessierten sich einige für eine Wohnung in der Wohnanlage und wurden auch mit eingeplant. Ich erinnere hier an Hermann Feith, der nach 21 Jahren „Behindertenheim“ seinen Einzug in die Wohnanlage als Verwirklichung eines Lebenstraums bezeichnet hatte. Er starb kurz nach Einzug an den Folgen seines vierten schweren Schlaganfalls.
Die Eröffnung der Wohnanlage war ein Meilenstein im Lebenslauf vieler einzelner Bewohner – nicht nur der behinderten Bewohner! Ebenso war sie ein politisches Signal, das seit dem nicht mehr zu leugnen ist: Das gleichberechtigte, nachbarschaftliche Zusammenleben behinderter und nichtbehinderter Menschen ist möglich, ist real!
Dies ist Ihnen, den Mietern zu verdanken.
Mit diesen Blumen möchte der Vorstand den Mietern und Partnern der Wohnanlage danken. Stellvertretend für alle Mieter möchte ich die Blumen Brigitte Behringer überreichen, die in ihren 18 Jahren als Hausverwalterin maßgeblich zur Verwirklichung der cbf-Idee beigetragen hat.
Herzlichen Dank
Mark Armbruster